Tanja Kling zur Eröffnung der Ausstellung „frammento“

Galerie Laterne e.V. Chemnitz 2010


Liebe Ausstellungsbesucherinnen, liebe Ausstellungsbesucher,


Katrins Arbeiten und Katrins Arbeitsplätze habe ich schon oft und intensiv “live” erleben dürfen. Ich hoffe und wünsche, Ihnen heute Abend ein paar aufschlussreiche Informationen oder Eindrücke von ganz “aus der Nähe” überbringen zu können und hoffe, es bleiben viele Fragen, die Sie gemeinsam mit der Künstlerin klären können und vielleicht auch ein paar Fragen, die sich gar nicht klären lassen - das lieben die Künstler besonders und die das gut können, sind die besonders guten Künstler. Ein persönlich sehr erfolgreicher künstlerischer Weg führt Katrin König heute hier her, wozu ich ihr ganz herzlich gratulieren möchte.

Begonnen hat sie diesen Weg mit ihrem Studium an der Hochschule für Kunst und Design in Halle mit ihrer konsequenten Beschäftigung und enorm eindrucksvollen Konzentration auf die Kunst, eingeschrieben im Fach Malerei/Grafik. Von Anfang an hatte ich den Eindruck, schon als ich sie dort 1997 kennenlernte, dass Katrin sich wirklich mit Leib und Seele der Kunst verschrieben hat. Ohne jeden äußeren Ehrgeiz oder Geltungsdrang, umso mehr aber in einem enormen Engagement für die Sache. Selbst wenn sie ein Buch las, eine Radiosendung hörte oder ins Kino ging, hat man gespürt, das saugt sie auf für die Kunst, das lebt dann in ihr, so wie sie selbst dann wieder für die Kunst lebt. Ihr offenes Interesse für und ihre Nähe zu bestimmten Dingen, das war eindrucksvoll und nicht zu übersehen. Ich bin mir sicher, dass sich das bis heute nicht geändert hat. Besucht man Katrin in ihrem Atelier, schlägt einem eine bestimmte Luft und eine gewisse Atmosphäre entgegen. Je nach Tag riecht es nach Lack oder Leim oder Leinöl. Und es riecht immer nach (im positiven Sinne) besessener Arbeit. Irgendwie bahnt man sich einen schmalen Weg durch Material, dem man anmerkt, dass es dort nicht lagert, sondern dass es alles aktuell in Benutzung ist – eine unglaubliche Menge an Material. Darunter vergraben mag auch irgendwo ein Sofa stehen, vielleicht zum Ausruhen, das mag nur Katrin selbst auffinden können. Viele ihrer Werke kann man sich in ihrem Arbeitsraum gar nicht zeigen lassen, denn dazu sind sie viel zu groß und es erfordert genaues, langwieriges und sorgfältiges Arbeiten, die Teile, aus denen sie bestehen, aneinander zuhängen. Die “Großen” messen um die 4 mal 5 Meter. Die größte heute ausgestellte Arbeit hat ein Format von 2,70 x 2,75 Metern, das entspricht nach “Katrin-Maßstab” eher einem nur mittleren Format – die Raumhöhe des Kunstvereins setzte diese Grenze.

Nun ist das Format natürlich nicht automatisch gleichbedeutend mit Inhalt und Bedeutung, doch bei Katrin spielt es eine wichtige Rolle. Ich vermute, dass sie selbst sich ihre größten Arbeiten noch ein etliches größer vorstellen könnte und sie bildlich gesprochen am liebsten ein alpengebirgsgroßes Werk drucken würde, um dem Ausdruck zu verleihen, was sich da zeigen möchte. Ich denke es ist ihr Berührtsein von sehr großen Zeiträumen, von natürlich gewachsener Dichte, von erd- und zivilisationsgeschichtlichen Zeugnissen, die, würden die Dinge selbst es ausdrücken wollen, vielleicht sagen: schaut her, das ist meine Kraft und so bin ich geworden allen Widerständen zum Trotz, alles Schöne habe ich ebenfalls in mich aufgenommen und nun habe ich diese und jene Form und in ihr offenbare ich mich vollkommen. Eine Form, in welcher diese und jene Spur sich noch zeigt, sich aber viel eher verwebt zu einem einzigen großen Ganzen. Und dieses Große Ganze hat nichts mit einem Einzelschicksal zu tun, es erzählt keine Geschichten, es IST die Geschichte selbst, das Ineinandergeschichtete, das Monumentale, das Vergehen von Zeit, aber von einer anderen Warte als der der Zeit unterworfenen aus betrachtet. Die einzelnen Phasen oder Ereignisse sind noch als Spuren sichtbar, aber nicht mehr als Konkretes lesbar, sie sind eingegangen ins Große Ganze, in eine Kraft, die gerade als dieses Ganze etwas Ewiges ausstrahlt, ähnlich einem Gebirge. Oder um auf der anderen Seite auch ähnlich einer großräumigen Ruine, die lange und schwerste Zeiten überdauert hat und wo einen die Ahnung dennoch immer auch auf ihre glanzvolle Seite hinweist und erinnert. Wo dies beides spürbar gleichzeitig vorhanden ist, da fühlt es sich vollständig, mächtig und satt an. Katrins frühere Drucke tragen Nummern als Titel, mich erinnert es ein wenig an die Art, wie Archäologen sie ihren Fundstücken zuordnen.

Neuerdings gibt es Namen für ihre Arbeiten, was trotzdem nicht völlig überrascht, weil es so passend und natürlich wirkt, als könne auch dies gar nicht anders vorstellbar sein. “Brama” heißt eine ausgestellte Arbeit, andere heißen “abasan”, “ivolit” oder “palau” und lassen an etwas Universales denken. Vielleicht erinnern sie an Gesteinsnamen? Sie klingen vertraut, sind uns nahe. Sie bekommen dadurch etwas Persönliches, heute Präsentes, neben dem Allgemeingültigen, für das sie alle gemeinsam stehen. Und doch verraten sie uns nicht ihre Herkunft, wir können sie wohl doch nicht mit einem Schild versehen und einsortieren.

Das Thema von Katrin ist ein über die Jahre der Beschäftigung ganz natürlich gewachsenes, und zwar aus ihrem Arbeitsprozess heraus Gewachsenes. Ihre Malereien, von denen sie herkommt, bestanden aus einer am fertigen Bild nicht mehr zu identifizierenden Anzahl von Schichten und Arbeitsgängen, die sie sich selbst und dem Material abverlangt hat. Ein etwas zaghafterer Zeitgenosse hätte ihr vielleicht gesagt, dass Papier so etwas nicht aushält, weil es dafür einfach nicht geschaffen ist. Und doch, das Papier hielt (meistens) stand und auch Katrin wuchs an ihren körperlichen Strapazen, wie man ihre Art zu malen ohne Übertreibung nennen möchte.

Nicht immer hat Katrin motivlos gearbeitet - oft saß sie auch draußen, zum Beispiel vor Industrieruinen Sachsen Anhalts und zeichnete auf die größten überhaupt verfügbaren Papierbögen. Das kommt, weil Katrins Art zu zeichnen und zu malen sehr körperlich ist, aus dem ganzen Leib heraus entsteht so ein Bild.

Ruinen und Industrieruinen hatten es ihr besonders angetan, ebenso wie die Eindrücke, die etwas später die Stadt Rom bei ihr hinterließ, wo sie ein ganzes Studienjahr über lebte und studierte und von wo sie neben tiefsten innerlichen Eindrücken auch ihre Drucktechnik des Kartondrucks mitbrachte.


Zum Abschluss dieser Einführung möchte ich gerne noch ein paar wenige Sätze zur Technik sagen. Der Kartondruck ist ein Druckverfahren, bei dem Karton mit verschiedenen Materialien wie Acryl, Sand oder Mehl behandelt wird, bis er zu einem erhabenen Druckstock wird und man ihn mit einer Hochdruckpresse abdrucken kann. In Katrins Drucken findet es sich sowohl formal als auch inhaltlich wieder, das Einzelne, das in einem viel größeren Ganzen aufgeht. Was sich im Laufe der Zeit geändert hat, ist das bedruckte Material, vom anfänglichen Papier über Aluminium bis zu ihren neuen Arbeiten auf Pergament und schließlich Klarsichtfolie, was jedes Mal eine vollkommen andere Wirkung ergibt.

Die Arbeiten auf Aluminium und Pergament werden anschließend an ihren Rändern noch schwarz oder weiss lackiert, es entsteht dadurch eine große Klarheit und Ruhe für die Präsenz des Gedruckten. Die Klarsichtfolienbilder dagegen haben eine Wirkung wie Röntgenbilder. Plötzlich meint man, in ihr Inneres zu schauen. Die Folien werden durch den Druck des Drucks ein wenig dreidimensional, da gibt es kleine Erhebungen nach hinten - winzige Gebirgsketten, daneben steht das sichtbar ölig-fette der Druckfarbe.

Und blickt man auf den Druck als Ganzes - mag man vielleicht diese Sehnsucht verspüren, ach, könnten wir dies nur alles wissen und verstehen, was sich uns da zeigt in dieser Welt. Und doch wissen wir zu unserem Segen, es ist auch unsere Aufgabe, zu ertragen dass wir nicht alles wissen können und gerade das macht uns zu Menschen.


Tanja Kling

(Künstlerin 1969-2011)

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